Das Interview

mit Rudi Ballauf

 

Als Sohn einer traditionsreichen Münchener Landwirts- und Unternehmerfamile liegen Rudolf Ballauf Verantwortung und Pioniergeist im Blut. Da verwundert es nicht, dass der Mann, dem das Wohl von Menschen und Gesellschaft stets ein großes persönliches Anliegen war, sich auch im Alter von 85 Jahren noch mit vollem Einsatz einem ganz besonderen Herzensprojekt widmet: Dem Anbau und der Produktion von Naturwein auf seiner Hacienda los Arcos bei Mijas in Andalusien.

 

INTERVIEW von Joscha Faralisch & Alexandra Goldfuss

Das Beste für Natur und Mensch

Als Weinkenner, Weinliebhaber und Mitglied der Commanderie de Bordeaux und der Jurade de Saint Emillion kam dem Münchener Visionär Rudi Ballauf die Idee einen kleinen Streifen Natur in Andalusien vor der Bebauung durch Wohnanlagen und Hotels zu bewahren und in seiner Nutzung als Weinberg zurückzuführen.

Ein ehrgeiziges Vorhaben mit großem Mehrwert für die Natur und die Menschen vor Ort. Denn in der Region wurde die dort vorhandene kleinteilige und nachhaltige Landwirtschaft in den letzten Jahren mehr und mehr vom Tourismus verdrängt.

Ihre Hacienda los Arcos ist ein Weingut an der Costa del Sol südwestlich von Malaga nahe einer Region, die in den letzten Jahrzehnten eher für Tourismus und Golf als für Weinbau und nachhaltige Landwirtschaft bekannt war. Wie sind Sie auf das Gelände aufmerksam geworden?

 Rudi Ballauf: Vor fast zwanzig Jahren haben meine Frau Sigrid und ich Andalusien besucht – genauer gesagt Mijas/Entrerrios in der Provinz Malaga, eine beschauliche Region nur wenige Kilometer vom Mittelmeer entfernt am Fuße der beeindruckenden andalusischen Küstenkordilliere gelegen.

In dieser malerischen und geschichtsträchtigen Umgebung besaßen unsere Freunde ein Stück Land, das sie unter anderem als Pferdegestüt nutzten. Ein Streifen kleinbäuerlich bewirtschaftetes grünes Ackerland mit Wildwuchs auf den Feiflächen.

Ich war sofort sehr angetan von dieser poetisch hügeligen Landschaft, von den wilden Kräutern, Büschen und Gräsern, die sich im Wind wiegen, während Libellen und Marienkäfer überall herumschwirren, Was mich als Weinliebhaber aber am meisten begeisterte: Zu dem Besitz gehörte auch wildes, offenes Land, das sich zur landwirtschaftlichen Nutzung eignete. Warum nicht auch zum Weinbau?

 

Konnten Sie sich damals bereits vorstellen, hier selbst tätig zu werden und ein Weingut zu gründen?

 Rudi Ballauf: Natürlich ergriff mich sofort der Gedanke, ob man dort nicht, wie bereits vor 150 Jahren, wieder Wein anbauen und produzieren könnte – aber unter innovativen, sprich natürlichen und umweltorientierten Bedingungen. Vor der Reblauskatastrophe im Jahr 1863 war die Provinz Malaga mit ca 100.000 Hektar Rebfläche nämlich das zweitgrößte spanische Weinanbaugebiet. Durch besagten Reblausbefall reduzierte sich die Anbaufläche allerdings beträchtlich. Heute sind es 12.000 Hektar in dieser Region. Durch meine persönliche Affinität zum Wein kam mir also der Gedanke, das Stück Land zu erwerben, um dort selbst Wein anzupflanzen und um das Areal langfristig vor der Bebauung zu bewahren. Denn um die Jahrtausendwende zog sich der Bauboom von der Küste immer weiter in Landesinnere und drohte auch dieses noch unberührte Stück Natur zu erdrücken.

Das Projekt in Gang zu setzen kostete uns in der Tat große Mühe. Ich wusste was guter Wein ist und wie man ihn herstellt, aber was umweltschonender Weinbau im Süden bedeutet wusste ich nicht.

Wir mussten über die Jahre herausfinden wie man Wein dort so natürlich wie möglich anbaut und produziert. Wichtig war auch die Bodenqualität. Da das von mir erworbene Gelände nicht zu D.O. Malaga, also der „Denominacion de Origen“, der Herkunftsbezeichnung Malaga gehört, war anfangs nur Versuchspflanzung möglich. Rückblickend stellte sich dies als Glücksfall heraus, denn so gewannen wir Zeit für Boden und Pflanzanalysen und für die Entwicklung eines umweltorientierten Weinbaukonzepts.

Zur selben Zeit hat sich übrigens auch Weinbauer Javier Lopez in der Nähe von Mijas Pueblo angesiedelt. Er produziert dort seinen Wein „Tamisa“. Jedenfalls dürfen auch wir nun seit zwei Jahren pflanzen und produzieren.

 

Ein solches Unterfangen lässt sich kaum alleine bewältigen. Hatten Sie Unterstützung vor Ort?

 Rudi Ballauf: Ja, wir haben große Unterstützer, denen mein ganzer Dank gilt: Hans-Peter Schmidt vom Ithaka-Institut für Ökologie und Klimafarming in der Schweiz, der uns in Verbindung mit seinem Schweizer Weingut Mythopia in Sachen Önologie und Bodenkultur unterstützt und berät. Den andalusischen Önologen und Chemiker Simbad Andres Romero, der uns mit seinem Fachwissen hilft das Projekt zu realisieren und Antonio Sevillano Marin, der uns bei der technischen Umsetzung auf der Hacienda große Dienste leistet.

Naturweine, wie wir sie nennen, sind aus Trauben, die möglichst naturbezogen, ohne Hilfen und Zusätzen wachsen und auch so zu Wein werden. Die Voraussetzung hierzu liefern in erster Linie gesunde und chemiefreie Böden.

Auf unserem bio-zertifizierten Gelände stärken wir das Wachstum und die Gesundheit der Böden auf vielfältige Weise: Eigenproduzierte Holzkohle, selbstgemachte Substrate aus Grünpflanzen und Vetivergras helfen uns den Humusaufbau zu fördern. Durch die bessere Bodensubstanz kann die Entwicklung unserer Weine der Weintraube überlassen werden. Eine Unterbodenbewässerung schützt unsere Reben vor Trockenstress. Dazu sind Auffangbehälter für Niederschlagswasser vorgesehen.

Um möglichst hohe Bio-Diversität auf den Weinbergen zu fördern arbeiten wir mit Winterbegrünung, die im Sommer verdörrt und den Boden vor Hitze und Austrocknung schützt. Außerdem haben wir Fruchtbäume in den Weinbergen gepflanzt. Unsere Insektenhäuschen schützen die Kleintierwelt. Unsere Formel lautet also kurz gesagt:

 „Weg von Chemie und Bodenbelastung, hin zu natürlichem Wachstum und ganzheitlichem Öko-Pflanzenschutz“.

Denn nach meiner Überzeugung können nur bei gesunden und natürlichen Wachstumsbedingungen Trauben entstehen, die den Charakter des Terroirs widerspiegeln.

Weine entstehen auch im Keller, wie gesagt, auf rein natürlicher Basis ohne Zusatzstoffe. Für die lange Ausbauzeit lagern die Weine in unserem Keller in Ton-Amphoren.

 

Sie verwenden Amphoren, die weltweit älteste Methode um Wein herzustellen und aufzubewahren. Worin liegt für Sie der Vorteil gegenüber herkömmlicher Behältnisse?

Rudi Ballauf: Wir haben uns bewusst für diese ursprüngliche und naturnahe Lagerungsform entschieden, weil Amphoren geruchsneutral im Vergleich zu Holzfässern sind. Auch die Sauerstoffdurchlässigkeit gegenüber Holz lässt sich genauer berechnen. Zu erwähnen ist auch noch der Temperaturausgleich durch den Ton. Unsere Weine sollten während ihrer Entwicklung im Keller keine fremden Geschmacksstoffe aufnehmen.

Wir verstehen unsere Weinproduktion als ganzheitlichen Prozess, den wir soweit als möglich nicht beeinflussen wollen. Unser Anspruch ist es hochwertige und natürliche Weine mit Charakter zu produzieren, nicht fehlerfreie standardisierte Massenware.

Wir sind stolz darauf den Weinbau in Mijas und seiner Umgebung wieder zu beleben und für den Erhalt und die Verbesserung der Böden zu sorgen.

Ein Stück Ackerland inmitten einer touristischen Umgebung und unter teilweise extremen klimatischen Bedingungen seiner Bestimmung zurück zu führen und dort dann nicht einfach Wein, sondern gleich Naturwein zu produzieren – das erfordert einiges an Kraft, Ausdauer und Geduld. Aber das Ergebnis ist es wert. Damit meine ich nicht nur den Wein, sondern auch den Gewinn für die Natur und die Region.

 

Die Hacienda los Arcos und die dazugehörigen Wirtschaftsgebäude. 

Teil des nördlichen Weinbergs aus der Vogelperpektive.

Bei der Weinernte helfen alle mit: Familie, Mitarbeiter, Freunde, Erntehelfer.

Die Bodega der Hacienda los Arcos

Unser Techniker Antonio Sevillano Marin packt bei der Ernte tatkräftig mit an.

Statt Chemie: Selbst produzierte Substrate aus Grünpflanzen verbessern die Bodensubstanz.

Vetivergras zwischen den Pflanzreihen zur Verbesserung der Bodenqualität.

Eigenproduzierte Holzkohle zur Förderung des Humusaufbau im Weinberg

Insekten (im Bild z.B. wilde Wespen) sind eine wichtige Komponente bei der biologischen Schädlingsbekämpfung in unserem Weinberg.

Unsere Messgeräte betreiben wir selbstverständlich mit Solarstrom.

Gesunde und kräftige Reben in unserem jungen Weinberg.

Obstbäume und Kräuterpflanzen erhöhen die Biodiversität im Weinberg.

Unseren Wein bauen wir in Ton-Amphoren aus. Diese uralte Technik nutzen wir, um zu vermeiden, dass unsere Weine fremde Geschmacksstoffe aufnehmen.

Buchautorin Isabelle Legeron über natürlichen Weinbau:

Ehrlich, unverfälscht, nachhaltig

„Natürlicher Wein ist nicht neu. Es ist der Wein wie er immer war – nur heute ist er zur Seltenheit geworden. Er ist wie heute wie ein Tropfen im Ozean – aber was für ein Tropfen!